Natürliche und synthetische Kosmetik-Inhaltsstoffe: Mythen und Fakten
Warum „natürlich“ nicht automatisch sicherer bedeutet, was Öko-Siegel tatsächlich zertifizieren und was die EU-Mikroplastik-Regelung ändert.
Aktualisiert: 31. Oktober 2026 · Geprüft von: Kamil Pyziak
Mythos 1: Natürlich heißt sicher
Viele natürliche Inhaltsstoffe sind gut verträglich, doch die Natur bringt auch starke Allergene und Reizstoffe hervor. Ätherische Öle enthalten zum Beispiel Duftstoffe wie Limonene, Linalool oder Citral, die oberhalb festgelegter Schwellen auf dem Etikett genannt werden müssen, weil manche Menschen allergisch darauf reagieren.
In der EU muss jeder kosmetische Inhaltsstoff – natürlich oder synthetisch – bei normaler Anwendung sicher sein, und jedes Produkt braucht vor dem Inverkehrbringen eine Sicherheitsbewertung.
Mythos 2: Synthetisch heißt schädlich
Synthetische Inhaltsstoffe lassen sich so herstellen, dass sie rein, stabil und von Charge zu Charge gleich sind. Viele gängige Inhaltsstoffe entstehen im Labor, auch wenn es das identische Molekül in der Natur gibt – zum Beispiel Vitamin E (Tocopherol) oder durch Fermentation gewonnene Hyaluronsäure.
Entscheidend ist das Molekül, nicht seine Herkunft. Eine synthetische und eine natürliche Probe desselben Stoffes tragen denselben INCI-Namen.
Was INCI-Namen über die Herkunft verraten
Pflanzliche Inhaltsstoffe tragen meist den lateinischen Pflanzennamen und den verwendeten Pflanzenteil, zum Beispiel Simmondsia Chinensis Seed Oil (Jojobaöl). Viele andere Namen verraten die Herkunft nicht: Glycerin, Squalane oder Cetearyl Alcohol können pflanzlich, tierisch oder synthetisch sein.
Wörter wie „bio“ oder „natürlich“ sind nicht Teil von INCI-Namen; die Liste selbst zeigt also keinen ökologischen Anbau.
Natur- und Bio-Aussagen und Siegel
Eine einheitliche gesetzliche Definition für „Naturkosmetik“ gibt es in der EU nicht. Werbeaussagen müssen aber nach den EU-Regeln für kosmetische Werbeaussagen wahr und nicht irreführend sein. Private Standards (zum Beispiel Berechnungen nach ISO 16128 oder Zertifizierungsprogramme) legen eigene Regeln fest, welche Inhaltsstoffe und Verfahren erlaubt sind.
Trägt ein Produkt ein Zertifizierungslogo, erklärt die Website der Zertifizierungsstelle, was das Logo abdeckt.
Mikroplastik: Was sich geändert hat
Die Verordnung (EU) 2023/2055 der Kommission beschränkt synthetische Polymermikropartikel, die Produkten absichtlich zugesetzt werden – auch Kosmetika. Zuerst betroffen waren abwaschbare Produkte mit Mikroperlen; für andere Produktarten gelten längere Übergangsfristen.
Inhaltsstoffe wie Polyethylen oder bestimmte Acrylat-Copolymere können je nach Form (feste Partikel) und Größe unter die Beschränkung fallen. Nicht jedes synthetische Polymer ist Mikroplastik – viele lösen sich in Wasser oder sind flüssig.
Was das Etikett nicht verrät
Das Etikett sagt selten, ob ein Inhaltsstoff natürlich, naturidentisch oder synthetisch ist, und zeigt keine Konzentrationen. Beurteilen Sie ein Produkt nach seiner vollständigen Zusammensetzung, der Reaktion Ihrer Haut und den Herstellerangaben – nicht nach einem einzelnen Wort auf der Vorderseite.

